Die theologische Konzeption

Die Kirche ist der Heiligen Dreifaltigkeit gewidmet. Das geht schon aus der lateinischen Inschrift über dem Kirchenportal hervor: IN HONOREM ET GLORIAM SS: TRINITATIS ECCLESIAM HANC EXTRUI CURAVIT.

Ansicht des restaurierten, von Heinrich Julius Tode entworfenen und durch Johann Heinrich Körner (Velpke) geschaffenen Hauptportals

Damit wird dokumentiert, was nach genauer Beobachtung des gesamten Kirchengebäudes in vielfacher Detailgenauigkeit festgestellt werden kann. Das Innere ist auf den ersten Blick hin schlicht und ohne Bildelemente gestaltet. Damit entspricht der Bau Tendenzen der lutherischen Orthodoxie zum einen und der Kunstentwicklung der Aufklärung auf der anderen Seite, die hier schon über das Rokoko hinausweist. Das theologische Programm der Trinität ist in vielen Kirchen zu finden. Hier in Warlitz ist das Konzept allerdings besonders feinsinnig und subtil entworfen und enthält Details, die so nur ganz selten, wenn überhaupt ein zweites Mal zu finden sind. Diese Vorgehensweise ist  typisch für die Zeit des Barock und war damals den Menschen, soweit sie ganzheitlich gebildet waren, selbstverständlich gegenwärtig.

Die drei Personen der Trinität manifestieren sich an drei Orten der Kirche, wodurch sie quasi drei räumliche Dimensionen abbilden, in denen sich der Gläubige beim Eintreten bewegt.

 

Im goldenen Dreieck stehen die hebräischen Schriftzeichen AHJH. Sie stehen für Gottes Selbstbezeichnung gegenüber Mose am Dornbusch ("Ich bin, der ich sein werde")

Im goldenen Dreieck stehen die hebräischen Schriftzeichen AHJH. Sie stehen für Gottes Selbstbezeichnung gegenüber Mose am Dornbusch („Ich bin, der ich sein werde“)

 

Angelpunkt ist das allseits bekannte Dreieck als Symbol für die Dreifaltigkeit. Es ist an zwei Stellen zu finden: Im Deckenspiegel in der Mitte der Kirche sowie auf dem mittleren Oberteil des Altars, hier eingebettet in eine prunkvolle Wolkenstruktur. Der Besucher der Kirche überschreitet jedoch bereits beim Betreten der Kirche einen Ort tiefgreifender Symbolik:

Das Steinpflaster enthält zweifellos eine symbolische Struktur (hier rot hervorgehoben).  Die beiden runden Steine wurden zunächst dem Johanneswort "Ich bin die Tür" zugeordnet; wahrscheinlicher ist jedoch die Deutung als Abdrücke der Himmelsleiter Jakobs. Die schwer kenntlichen Buchstaben darunter wären dann vier Tau-Kreuze zum Gedächtnis an die vier verstorbenen Kinder von Maximilian von Schütz. Die Struktur ist bei Ausbesserungsarbeiten im Lauf der Jahrhunderte unkenntlich geworden.

Das Steinpflaster enthält zweifellos eine symbolische Struktur (hier rot hervorgehoben). Die beiden runden Steine wurden zunächst dem Bibelwort „Ich bin die Tür“ zugeordnet; wahrscheinlicher ist jedoch die Deutung als Abdrücke der Himmelsleiter Jakobs. Die schwer kenntlichen Buchstaben darunter wären dann vier Tau-Kreuze zum Gedächtnis an die vier verstorbenen Kinder von Maximilian von Schütz. Die Struktur ist durch Ausbesserungsarbeiten im Lauf der Jahrhunderte unkenntlich geworden.

Das vor dem Portal befindliche Steinpflaster ist nämlich nicht einfach ein schmückender Fußabtreter, sondern enthält eine symbolische Struktur. Sie erinnert an den Ort, an dem Jakob im Traum die Himmelsleiter erschaute. Diese wird durch die zwei großen flachen Steine symbolisiert, welche die „Abdrücke“ der beiden Holme darstellen. Das Pflaster selbst ist das Lager des Jakob, der nach dem Erwachen beschloss, aus dem Stein zu seinen Häupten das Haus Gottes (Bethel) zu errichten. Die darunter befindlichen, im Laufe der Jahrhunderte durch Ausbesserungen unkenntlich gewordenen Zeichen stehen vermutlich für die verstorbenen vier Kinder des Gutsherren (vier Tau-Kreuze, von denen das ganz rechts befindliche nicht mehr sichtbar ist). Die Himmelsleiter war im 17. und 18. Jahrhundert ein oft benutztes Motiv in Leichpredigten. Somit wäre der als Gruftkirche konzipierte Bau im Sinne des Zitats aus Gen 28, 17 zu verstehen: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Eine frühere Deutung der runden Steine im Sinne des Bibelwortes „Ich bin die Tür, wer durch mich eingeht, wird selig werden“ nach Johannes 10,9 wäre genauso denkbar, denn Christus wurde in der Erbauungsliteratur des 18. Jahrhunderts (insbesondere im Hinblick auf das Kreuz) oft als „Himmelsleiter“ interpretiert.

Beim Betreten der Kirche passiert man die vier wertvollen schmiedeeisernen Stützen, die die Orgelempore tragen. In ihnen sind goldene Pflanzenornamente, die sowohl nach oben als auch nach unten wachsen, eingearbeitet. In Anknüpfung an die vier Tau-Kreuze stehen sie für die vier Kinder, die als Auferstandene nach Psalm 92,13-14  blühen mögen: „Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon, die gepflanzt sind im Hause des HERRN, werden in den Vorhöfen unseres Gottes grünen.“

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Steht man inmitten der Kirche, befindet man sich unter dem, der zu Jakob sprach: „Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott.“ Der Deckenspiegel enthält ein goldenes Dreieck mit Glorienschein, umgeben von geflügelten Engelsköpfen. In ihm steht ein hebräisches Wort aus vier Buchstaben. Der gebildete Besucher wird sogleich den Gottesnamen „Jahwe“ vermuten, wie in vielen Kirchen gebräuchlich. Dem ist aber nicht so. Das Wort, in unsere Schrift als „AHJH“ übertragen, enthält die Bedeutung des Gottesnamens, die im Alten Testament nur von Gott selbst dem Moses auf dem Horeb mitgeteilt wird: „Ich bin, der ich sein werde“, Ex 3,14. Damit wird konzeptionell eine Steigerung gegenüber der sonst üblichen rein symbolischen Form erzielt. Gott spricht wie ehedem Moses den Gläubigen direkt an. Dass er mittig über einem steht, ist natürlich auch mit vielen Bibelstellen zu verknüpfen, z.B.: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt, (…) spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott auf den ich hoffe“, Ps 91,1.

Der vom braunschweigischen Hofbildhauer Johann Heinrich Oden in Gemeinschaftsarbeit mit dem Warlitzer Tischler Eickmann geschaffene Kanzelaltar nach der Restaurierung. Das im Vordergrund stehende Taufbecken wurde erst 1855 durch die Familie von Könemann gestiftet.

Der vom braunschweigischen Hofbildhauer Johann Heinrich Oden in Gemeinschaftsarbeit mit dem Warlitzer Tischler Eickmann geschaffene Kanzelaltar nach der Restaurierung. Das im Vordergrund stehende Taufbecken wurde erst 1855 durch die Familie von Könemann gestiftet.

Der Blick richtet sich nun aber gewöhnlich nach vorn zum Altar. Was man dort erblickt, ist erstaunlicher Weise keine überdimensionale Kreuzes- oder Christusdarstellung, sondern ein schlichter architektonischer Säulenaufbau mit Kanzel und großer Wolkenstruktur, darüber ein gewaltiger Strahlenkranz mit Engeln. In ihm ist wiederum ein Dreieck enthalten, natürlich den Heiligen Geist repräsentierend. Das Dreieck enthält dreimal den hebräischen Buchstaben Jod über dem hebräischen Vokalzeichen Quames. Dieses ist eine im 18. Jahrhundert sehr gebräuchliche Symbolik, die vor allem auf die Trinität, letztlich aber auch auf das Kreuz Christi verweist.

Nahansicht der Trinitätssymbolik in der Wolke vor Beginn der Restaurierung. Man erkennt das hebräische Vokalzeichen Kamez unter drei Jodim. Im Judentum eine Symbolik für JHWH, in der christlichen Kabbala für den Heiligen Geist, der das Wort aussendet. Im Unterschied zur Darstellung, die nur die drei Jodim enthält und für den Heiligen Geist steht, ist es also das Schöpfungswort, das den göttlichen Logos in die Welt sendet.

Dass letzteres in dieser Kirche in so auffälliger Weise weitgehend verborgen bleibt (ganz im Gegensatz zu protestantischen Gewohnheiten anderswo), hat einen Grund, der sich einem erst bei langem Suchen offenbart. Dass der Heilige Geist den zentralen Blickfang in der Kirche darstellt, hat seine Bedeutung in der Funktion dieser dritten trinitarischen Person. Der Heilige Geist kam über die Jünger zum ersten Pfingstfest und hat damit die freie christliche Verkündigung an alle Völker ermöglicht. Genau das passiert bei jedem Gottesdienst. Der Heilige Geist ist dabei nicht nur der Tröster und Mittler zwischen Gott und Gläubigen, sondern auch zwischen Gott und dem Prediger. Ganz protestantisch geht die Verkündigung von der Mitte der Kirche aus, aber in einer Linie zwischen Gott Vater, Heiligem Geist, dem Prediger und den Gläubigen verlaufend. Wenn man nun von dem johanneischen Grundsatz „Im Anfang war das Wort, und Gott war das Wort“ ausgeht, so gelangt es eben, wie weiterhin in der Bibel ausgeführt, durch den Heiligen Geist über den Prediger zum gläubigen Hörer. Die beiden Dreiecke zeigen übrigens mit der Spitze zueinander, womit die Bedeutung der verbindenden Linie bekräftigt wird.

Die Orgel hat dabei auch eine Funktion, denn indem sie der Verlaufslinie gegenüber steht, bildet sie zum einen die musikalisch-klangliche Tapete für den Strom der Verkündigung, gleichzeitig aber schließt sie den Raum dreidimensional ab und vereinigt in ihm Diesseits und Transzendenz sowohl physikalisch, als auch theologisch und schließlich akustisch.

Die Wolke als Symbol für die Gegenwart Gottes ist im Alten Testament mehrfach vertreten. Durch die in dieser Kirche besonders hervorgehobene Darstellung wird sie zum Leitmotiv verschiedener Ereignisse und Anspielungen. Zunächst erscheint die „Herrlichkeit des Herrn“ in einer Wolke den Israeliten in der Wüste, nachdem diese ihre Nöte vor Aron und Mose gebracht haben. Sodann ist sie auf dem Berg Sinai gegenwärtig, wo Mose die Gesetztafeln empfängt. Außerdem erfüllt die Wolke das Innere der Stiftshütte unmittelbar nach ihrer Vollendung, so dass Mose nicht in die Stiftshütte gehen kann, „weil die Wolke darauf blieb und die Herrlichkeit des Herrn füllte“ (Ex 40,35). Ab hier ist die Wolke die sichtbare Hand Gottes, die das Volk Israel führt, bis hin zum Durchzug durch das Schilfmeer. In der Kirche repräsentiert die Wolke also die tatsächliche Gegenwart Gottes, in katholischen und orthodoxen Kirchen zusätzlich durch Weihrauch ganzheitlich verstärkt. Der Bezug zum Heiligen Geist rückt dann im Neuen Testament in den Mittelpunkt: Die Verklärung Jesu, die Himmelfahrt sowie die Erscheinung des Heiligen Geistes zu Pfingsten machen dies deutlich, schließlich auch die Erwartung der Wiederkehr Christi als Menschensohn, der „aus den Wolken des Himmels“ kommt (Mt 24,30). Betrachtet man die Gesamtheit dieser Aufzählung, wird die Funktion der Wolke als trinitarisches Element deutlich.

In der Wolkendarstellung auf dem Altar sind fünf Engelsköpfe enthalten.

In der Wolkendarstellung sind fünf geflügelte Engelsköpfe enthalten. Diese verweisen auf die „Quintessenz“ in Ergänzung zu den vier Elementen, aus denen nach alter Auffassung die Materie und damit Gottes Schöpfung besteht. Im Dreieck wird in verborgener Symbolik das Schöpfungswort „FIAT“ abgebildet- der über den Wassern- das auch in dieser Hinsicht im Gemeindegestühl dargestellt ist- schwebende Geist Gottes bildet den Anfang, aus dem alles Sein hervorgegangen ist und letztlich auch wieder zu Gott strebt, so ist im Grunde die ganze Kirche auf die Erlösung und die Hoffnung auf das ewige Leben ausgerichtet.

Der hier abgebildete südliche Gemeindeblock besteht aus 9 Reihen zu je 5 Plätzen. Alle Bänke sind wie Wasserwellen gearbeitet, die sich in Richtung Altar werfen

Der hier abgebildete südliche Gemeindeblock besteht aus 9 Reihen zu je 5 Plätzen. Alle Bänke sind wie Wasserwellen gearbeitet, die sich in Richtung Altar werfen

Nun muss der „unter dem Schirm des Höchsten“ Sitzende einmal genau dieses Wasser betrachten, in dem er eigentlich sitzt. Das Gemeindegestühl hat geschwungene Rückenlehnen. Das ist nicht einfach eine Laune des Tischlers, sondern Konzept. Der Schwung repräsentiert nämlich Wasserwogen. Diese sind für die jüdisch-christliche Heilsgeschichte eminent wichtig. So wurden die Israeliten beim Exodus durch die Wasserwogen vor den Feinden gerettet. „Wasser umgaben mich bis an mein Leben, aber du hast meine Seele aus dem Verderben geführt“ singt Jona bei seinem Gebet im Bauch des Fisches und ertrinkt nicht in den Wasserfluten, sondern wird nach erfolgtem Bußgebet von dem Tier an Land gespült. Deshalb prangt an der Kirchturmspitze auch der Fisch des Jona, anstelle des sonst gebräuchlichen, auf Petrus verweisenden Hahns.

Der Warlitzer Kirchturm besitzt als Wetterfahne einen Fisch (anstelle des sonst gebräuchlichen Hahns). Er verweist mit seinem geöffneten Maul auf Jona, der nach erfolgtem Bußgebet an Land gespült wird, um Gottes Auftrag auszuführen.

Es war von Schütz und Tode offenbar wichtig, die Gesamtheit jüdisch-christlicher Heilsgeschichte vor Augen zu bringen und diese nicht auf die neutestamentliche Hälfte zu reduzieren. Der beschriebene Effekt wird übrigens am deutlichsten, wenn man von vorne auf die Gemeinde schaut. Auch das ist Absicht und soll bewirken, dass der Prediger seine Gemeinde als „in Wasserwogen befindlich“ wahrnimmt und durch sein Wort zum einen rettet und zum anderen, wie einst den Jona, zur Umkehr aufruft. An den Seitenwangen des Gestühls sind zusätzlich Schaumkronen aufgemalt, die beweisen, dass die die Gemeinde umgebenden Wasserwogen in ziemlich heftiger Bewegung sind, und das ständig! Derartige Bedeutungsparallelen waren dem Menschen im 18.Jahrhundert weitaus mehr geläufig als uns heute.

Nahansicht einer Gestühlswange, eine Wasserwelle darstellend. Die Farbfassung ist in allen Teilen original und wurde 2008 nur gereinigt und konserviert

Nahansicht einer Gestühlswange, eine Wasserwelle darstellend. Die Farbfassung ist in allen Teilen original und wurde 2008 nur gereinigt und konserviert

Was auch die damaligen Gläubigen nicht sehen konnten, und was leider zu den wenigen verlorenen Elementen dieser Kirche gehört, sind die beiden Glocken aus der Werkstatt von JOHANN ARMOVITZ (Lübeck).

Die im Februar 2011 in Passau gegossenen neuen Glocken im originalen Glockenstuhl. Links die kleinere (Ton cis'') mit den lateinischen Worten aus 1. Kor 13,1 ("Der Christ ohne Liebe ist nur wie der Klang einer Glocke"). Rechts die größere (Ton a') mit den Worten aus Psalm 66,8 ("Lobet den Herrn unseren Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen"). Sie enthält wie das 1942 eingeschmolzene Original das Wappen des Kirchenstifters (Hirschstange) mit dem Adelszeichen der Landgrafen von Hessen-Darmstadt (Sechsstern)

Die im Februar 2011 in Passau gegossenen neuen Glocken im originalen Glockenstuhl. Links die kleinere (Ton cis“) mit den lateinischen Worten aus 1. Kor 13,1 („Der Christ ohne Liebe ist nur wie der Klang einer Glocke“). Rechts die größere (Ton a‘) mit den Worten aus Psalm 66,8 („Lobet den Herrn unseren Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen“). Sie enthält wie das 1942 eingeschmolzene Original das Wappen des Kirchenstifters (Hirschstange) mit dem Adelszeichen der Landgrafen von Hessen-Darmstadt (Sechsstern)

Auch wenn sie nur zum Hören bestimmt waren, so deuteten die Inschriften auch hier auf den zweideutigen symbolischen Aspekt: COMMENDATE POPULI DEUM NOSTRUM EIUS LAUDATIONIS VOCE PERSONANTES auf der größeren, CHRISTIANUS CARITATIS EXPERS AES RESONANS EST AUT CYMBALUM TINNIENS auf der kleineren. Das bedeutet, sehr frei übersetzt: „Lasst uns, Leute, unseren Gott mit klingender Stimme loben“ (Psalm 66, 8) und „Der Christ, welcher der Liebe entbehrt, ist wie ein klingendes Erz oder eine tönende Glocke“ (1. Kor 13, 1 in veränderter Form). Auch hier die räumliche Verbindung zwischen Diesseits und Transzendenz durch die Musik auf der einen und die christliche Verkündigung auf der anderen Seite. Die 1942 an die Heeresverwaltung abgelieferten Glocken wurden ab 1962 durch eine Eisenhartgussglocke vertreten, die nach 50 Jahren abgängig war. Im Jahre 2011 wurden zwei neue Bronzeglocken nach der alten Vorlage in der Gießerei Perner (Passau) gegossen. Sie tragen auch wieder die lateinischen Inschriften, die größere auch wieder das Familienwappen der Sinold gen. von Schütz.

Die Sakristei, die gleichzeitig als Beichtstuhl diente, enthält an der Außenseite Grisaille-Gemälde von Gleichnisszenen. Sie wurden wahrscheinlich von Heinrich Julius Tode selbst gemalt.

Die Sakristei, die gleichzeitig als Beichtstuhl diente, enthält an der Außenseite Grisaille-Gemälde von Gleichnisszenen. Sie wurden wahrscheinlich von Heinrich Julius Tode selbst gemalt.

Was auch den meisten Gläubigen ehedem verborgen blieb, kann der aufmerksame Besucher heute bestaunen und gibt ihm die Antwort auf das schon erwähnte Rätsel. Rechts vom Altar befindet sich das Sakristeistübchen für den Pastor. Außen sind vier wertvolle Grisaillegemälde angebracht, die Gleichnisszenen enthalten. Diese Genrebilder sind heute selten und hier in besonders guter Qualität erhalten. Sie sind dem Blick der Gemeinde entzogen und folglich eindeutig nur für den Pastor bestimmt. Dargestellt sind Motive aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn (zweifach: Der jüngere Sohn hütet die Schweine sowie die Umarmung des Vaters bei der Rückkehr) sowie vom verlorenen Schaf und vom Sämann. Der Zweck ist klar: Hier wird dem Prediger das Konzept der Kirche wie eine Gebrauchsanleitung in die Hand gegeben. Die Bilder beziehen sich nämlich direkt auf einen Ausspruch Jesu, mit dem er den Zweck der Gleichnisse kommentiert: „Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu verstehen, diesen ist’s nicht gegeben“ (Mt 13, 11). Wie einst den Jüngern Jesu, so soll auch heute allein dem Pastor die Gabe zustehen die Geheimnisse des Himmelreiches zu verstehen, den Gläubigen hingegen ist die Sprache des Gleichnisses vorbehalten. Genau dieses Prinzip ist es, das an jeder Stelle der Kirche wieder entdeckt werden kann.  Die Bilder sind höchstwahrscheinlich von HEINRICH JULIUS TODE selbst gemalt worden, der damit seinem ursprünglichen Berufswunsch in der Jugend entsprochen hatte. Die Anregung bekam er durch Eindrücke im Geburtshaus in Zollenspieker, wo auf Kacheln in ähnlicher Weise Szenen der Bibel dargestellt sind.

Malerei

Darstellung der Rückkehr des verlorenen Sohnes, wahrscheinlich von Heinrich Julius Tode gemalt.

Es ist möglich, dass im Zuge der Bauarbeiten ein wenig vom ursprünglichen Konzept abgewichen worden ist. Die Befolgung des biblischen Bilderverbotes ist ziemlich konsequent umgesetzt, mit Ausnahme der zahlreichen Engelsfiguren. Zumeist sind es nur kleine, geflügelte Engelsköpfe, wie schon oben erwähnt. Sie befinden sich auch oberhalb der Fenster an den Seitenwänden (übrigens nach dem gleichen Muster wie in der Ludwigsluster Kirche). Dazu treten drei vollplastische Engelsfiguren. Zwei befinden sich auf dem Altar rechts und links. Sie tragen jeweils zwei Attribute, die eine im 18.Jahrhundert häufig verwendete Symbolbedeutung haben. Der südliche trägt Kreuz und Kelch, der nördliche ein flammendes Herz. Diese Attribute sind weit verbreitet und repräsentieren die entscheidenden Elemente der christlichen Heilsverkündigung bzw. die christlichen Kardinaltugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Letztere ist nach 1. Kor 13 „die größte“, weswegen sie einem Engel allein vorbehalten bleibt, der im Sinne des „sursum corda“ das Herz in die Höhe und sogar den rechten Arm als Gegengewicht nach unten streckt. Der dritte Engel sitzt auf der Orgel und bläst eine Trompete, verstärkt also visuell die schon erwähnte Bedeutungsfunktion. Somit haben wir mit den drei Engeln nochmals eine weitere, diesmal sehr direkt zu begreifende Abbildung der Dreiheit.

Im Detail ist besonders das aufwändig gefasste Schnitzwerk zu sehen, das die drei trinitarischen Symbolfarben in sich vereint. Darüber die neuen Prospektpfeifen, die rekonstruiert werden mussten, weil die Originale 1917 abgeliefert worden waren.

Im Detail ist besonders das aufwändig gefasste Schnitzwerk zu sehen, das die drei trinitarischen Symbolfarben in sich vereint. Darüber die neuen Prospektpfeifen, die rekonstruiert werden mussten, weil die Originale 1917 abgeliefert worden waren.

Schließlich ist noch auf das Farbkonzept der Kirche zu verweisen. Dieses wird erst voll zu erleben sein, wenn die Kirche fertig restauriert sein wird. Enthalten sind die dominierende Grundfarbe Weiß sowie die Farben Blau, Gold und Purpurviolett. Auch darin ist eine vieldeutige Symbolkraft enthalten. Weiß ist die additive Summe der drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Letztere sind drei und damit auch wieder stellvertretend für die Dreieinigkeit. Das Gold steht für das Göttliche und den Himmel, somit Gott Vater repräsentierend. Blau ist die Farbe des Himmelsgewölbes und damit des Heiligen Geistes. Denn wie das Himmelsgewölbe Himmel und Erde verbindet, so tut es der Heilige Geist als Vermittler zwischen Gott und Mensch. Deshalb ist der Heilige Geist auf dem Altar auch in eine so große blaue Wolkenstruktur eingehüllt. Schließlich Purpurviolett: Die Farbe des Königlichen, Majestätischen, natürlich Christus repräsentierend. Besonders dominierend ist sie an den Altarschranken, dem Patronatsgestühl und an der Orgelempore.  Gleichzeitig ist das Rot an vielen Schnitzereien versteckt (so die Schleierbretter der Orgel und die geflammten Vasen). Dass die additive Mischung der drei Farben Weiß ergibt, ist natürlich die Krönung des Ganzen: Nur durch das Zusammenwirken aller drei trinitarischen Personen wird die Vollkommenheit, die ewige Reinheit, erreicht. Dazu soll Paulus sprechen: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht“, 1.Kor 13,12. Die Offenbarung des Johannes spricht direkter von der Verknüpfung der Vollkommenheit mit der Farbe Weiß: „Diese sind’s, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes“ (Offb 7,14).

Das Konzept der Warlitzer Kirche wird am besten zusammengefasst durch einen Text im 1.Korintherbrief: Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen, nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt… Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit… Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist (1.Kor 2,6-12).

Wenn man möchte, kann man weitere Entdeckungen machen. So hat die Orgel drei mal drei Register. Und das Oktogon, das durch die Linden den Kirchplatz umgibt, ist auch am Turmhelm zu finden. Dies ist eine alte symbolische Tradition, die an noch vielen alten Taufbecken und Taufgehäusen erhalten ist. Zurückzuführen ist diese Form wahrscheinlich auf die Grabeskirche in Jerusalem, die eine oktogonale Struktur besitzt- ihr nachempfunden ist z.B. die berühmte Dorfkirche von Ludorf bei Röbel. Die Zahl Acht steht symbolisch für Vollendung im religiösen Sinn, die heilige Zahl Sieben sozusagen übertreffend. Außerdem wird sie im Neuen Testament direkt auf die Taufe bezogen, die ihrerseits ihren heilsgeschichtlichen Ausgang in der Arche Noah nimmt, in welcher „wenige, nämlich acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser“ (1.Petrus 3,20). Gemeint sind Noah mit seiner Frau sowie deren drei Söhne samt ihren Frauen. Jeder getaufte Christ tritt somit ein in die zunächst kleine Gruppe der Geretteten. In Warlitz ist die Anspielung also zweierlei Art: Zum einen verweist die Zahl Acht auf die Dreifaltigkeit als Vollendung der christlichen Heilsidee von Weihnachten über Ostern und Pfingsten hinaus, zum anderen wird die ganze Kirche oktogonal eingerahmt wie ein Taufbecken, so dass die das Kircheninnere beherrschende Wassersymbolik nochmals in ihrer Gesamtheit betont wird: Der sie Betretende tritt in glaubender Erinnerung in das Bad der Heiligen Taufe, ähnlich wie es beim Benutzen eines Weihwasserbeckens im katholischen Verständnis geschieht. Außerdem grenzt das Oktogon den heiligen Bezirk schützend nach außen ab, wie ehedem die Arche ihre Insassen vor der tödlichen Flut schützte.

Für die Anzahl von 30 Linden gibt es auch Möglichkeiten einer Erklärung. Da die meisten der acht Seiten des Oktogons vier Linden enthalten, müssten es insgesamt 32 Linden sein. Damit gibt Tode ein profundes Zeugnis seiner Kenntnisse in Dichtung und Hymnologie ab: Jeder lateinische Hymnus zum Trinitatisfest  besteht in jeder Strophe aus vier Zeilen zu je acht Silben, zusammen also 32 Silben. Dies ist natürlich Absicht und soll Symbol für die Vollendung des Heiligen in der Trinität sein. Der Lindenkranz ist also ein in Natur umgesetzter Trinitatis-Hymnus: eine zutiefst barock empfundene Symbolik.

Als Beispiel mögen die ersten Strophen von drei Trinitatis-Hymnen sowie der bekannter Pfingst-Hymnus „Veni, Creator Spiritus“ dienen:

TU TRINITATIS UNITAS
ORBEM POTENTER QUAE REGIS:
ATTENDE LAUDIS CANTICUM,
QUOD EXCUBANTES PSALLIMUS.

IAM SOL RECEDIT IGNEUS :
TU LUX PERENNIS UNITAS,
NOSTRIS, BEATA TRINITAS,
INFUNDe AMOREM CORDIBUS.

VENI, CREATOR SPIRITUS
MENTES TUORUM VISITA:
IMPLE SUPERNA GRATIA
QUAE TU CREASTI PECTORA.

Dass in Warlitz zwei Linden fehlen, könnte zwei verschiedene Gründe haben: Zunächst liegt der Schluss nahe, dass des Einganges wegen auf zwei Linden verzichtet wurde. Sie würden sozusagen durch die zwei Türpfostensteine im Bodenpflaster repräsentiert. Dafür spricht, dass Jakobs Himmelsleiter in der Erbauungsliteratur des 18. Jahrhunderts 32 Sprossen zugeordnet werden. Eine andere Möglichkeit bestünde in der Deutung, die zwei fehlenden Bäume durch die zwei Bäume des Paradieses vertreten zu sehen, die dem Menschen fehlen, da er sich ja in der unvollkommenen Welt befindet. Dennoch ist der Kreis der symbolischen Vollkommenheit geschlossen, weil die Trinität durch ihn symbolisiert wird. Und durch das in Christus enthaltene Heil wird dem Menschen der Weg zum Paradies eröffnet, das die zwei fehlenden Bäume (die sich der Mensch einst verscherzt hatte) enthält und somit erst im transzendenten Bereich den unvollkommenen Kreis schließt.

Die Lindenallee, die zum Friedhof führt, zeigt, aus Sicht der Gräber, genau auf den Kirchturm und damit auf den Wal des Jona (zur Zeit aufgrund der Größe der Linden nicht wahrzunehmen). Damit sind auch die Toten (übrigens für alle Ewigkeit) äußerlich auf das Erlösungssymbol ausgerichtet.

Wir werden hoffentlich alle noch lange an diesem einzigartigen Denkmal Entdeckungen machen und unsere himmlische Freude haben.

Text: Jan von Busch,  Kirchenmusiker und Religions- und Musiklehrer an der CJD-Christophorusschule Rostock

(korrigierte Fassung; Stand: Juni 2013)